Marina
döste dahin, schlief eigentlich ganz fest, war jedoch wachsam genug, um auch
noch kleinste Geräusche wahrzunehmen und zu checken, ob es sich um ein normales
oder verdächtiges, ungewohntes Geräusch handelt. Auch sonstige Veränderungen
nahm sie schlafend wahr, wie zum Beispiel das Aufblitzen eines
Autoscheinwerfers, das sich hinter den Bäumen nur ganz kurz an einem ziemlich
weit entfernten Berg zeigt.
Als Marina letzte Nacht das Geräusch hörte, war es noch
richtig dunkel und das Geräusch war nur sehr leise, es war eigentlich gar kein
richtiges Geräusch, sondern eher ein Tapsen,
so, wie sie es von den anderen Katzen kannte, aber eben doch etwas anders;
lauter und rauher und so, als würde etwas Unbekanntes umherirren. Obwohl es nur
sehr kurz war, horchte Marina sofort auf, ohne jedoch ihre Position auch nur im
Geringsten zu verändern. Lediglich die Wahrnehmungssinne
waren angespannter und warteten auf ein weiteres Zeichen, um Marina in
Lauerstellung zu versetzen. - Da war es wieder, genauso wie eben nur etwas
schneller und diesmal spürte sie einen Schatten,
denn sie hatte bereits den Kopf etwas angehoben, nur ganz wenig, gerade so
viel, daß sie eben diesen Schatten noch wahrnahm. Sie nahm ganz vorsichtig eine
Lauerstellung ein, wartete aber regungslos, bis sich wieder etwas tat. Langsam
rutschten ihre Augenlider nach unten, während die Ohren sich spitzten. - Marina schlummerte wieder ein.
Schrrt – tap tap - , die Augen waren blitzartig offen, und für den Bruchteil
einer Sekunde sah Marina einen Schatten, der ungefähr die Gestalt einer Katze
hatte, doch da war etwas, das nicht stimmte und das Marina ganz kurz
erschrecken ließ, trotz ihrer Furchtlosigkeit.
Sie überlegte sofort, was als nächstes zu tun war und handelte umgehend.
Sie bewegte sich mit schnellen, aber kaum merkbaren Schritten zur Kellertreppe
und zur Katzentklappe, stopte davor, um nochmal mit aller Feinhörigkeit zu
prüfen, ob die Luft rein war. Mit sehr vorsichtigen Bewegungen schlüpfte sie
durch die Katzentür, hielt den Schwanz steif nach oben, und ließ ihn langsam
nach unten sinken, damit die kleine Schwingtür keine verdächtigen Geräusche
machte. Mit aller Vorsicht schlich sie die Außentreppe nach oben und verharrte
an der obersten Stufe, nur die Ohren und die Augen schauten über den
Betonsockel.
Ein Pferd, es war wohl Leo,
schlug mit den Hufen an die Stalltür, doch das ließ Marina in keinster Weise
erschrecken - das kannte sie sehr gut – es war ein vertrautes Geräusch.
Auch das Hochschnellen der Fische im Bach und das Schwirren der Fledermäuse
verwirrten Marina nicht.
Da ! sie vernahm wieder diese fremdartige Tapsen – schrt tap tap - konnte diesmal sogar die Richtung, aus der
es kam, feststellen und schlich langsam zur Garage, durch die Zwischentür, die
ein wenig offenstand, zum Garten. Hier nahm sie den Geruch von Mäusen wahr, die sich wohl ziemlich
schnell in ihre Löcher zurückgezogen hatten, doch die Mäuse interessierten sie
im Moment nicht. Sie blieb wieder stehen, um die Umgebung zu beobachten.
Das Weghuschen der Mäuse mußte das unbekannte Wesen aufgescheucht haben, denn
nun sah Marina, wie ein Schatten – nein, diesmal war es deutlicher als ein
Schatten, es war keine Katze, es war größer und struppiger und dunkel –
fluchtartig in Richtung Bach lief und im Dunkel verschwand.
Marina wollte die Verfolgung nicht aufnehmen. Irgendwie spürte sie, es war kein
Feind. Dennoch war ihr mulmig, denn sie wußte genau, dieses Wesen hatte sie
hier noch nie gesehen. Und Marina kennt alle Wesen im weiteren Umkreis. Marina
weiß, welche angenehmen und welche unangenehmen Wesen es hier gibt. Sie weiß
auch, vor welchen man sich in acht nehmen muß, welche ihr in Notsituationen
helfen und welche ihr oder den anderen hinterlistig etwas antun würden.
Sie sprang dennoch drei Sätze weiter in der Spur des Unbekannten Wesens und
roch einen merkwürdigen Geruch, den sie ebenfalls noch nie vernommen hatte. Er
hatte etwas Beißendes, und sie erinnerte sich an den Besuch in einem
Schweinestall. War es vielleicht ein Wildschwein, das springt und schleicht,
wie eine Katze und die Umrisse eines Luchses hat?
Als Marina zurr Haustür zurückkam, dämmerte bereits der Morgen. Der Bach lag im Nebel und der Hahn krähte zum ersten Mal. Marina blieb nochmal ganz ruhig stehen und schaute in Richtung Garten. Der Nebel hatte etwas Unheimliches, und für einen Moment glaubte Marina, diesen Schatten wieder gesehen zu haben. Doch da war kein Geräusch und kein Geruch. Die Schwaden des Nebels und die hereinbrechende Helligkeit ließen Figuren auf dem Bach tanzen. Das hatte Marina schon oft beobachtet.
Marina wacht auf durch das vertraute Geräusch der Badezimmertür. Was die Menschen für
einen Zirkus machen, bevor die zur Haustür rausgehen; gleich klappern die
anderen Türen und die Lichter gehen
an. Andererseits heißt dies aber auch, daß es gleich Fressen geben wird. Das
ist auch das Zeichen für die anderen Katzen, die im Haus wohnen, und es gibt
ein plötzliches Gemaunze, das erst
verstummt, nachdem alle Näpfchen
gefüllt sind.
Nach dem Fressen hört Marina, wie Pieps
, der schwarz-weiße Kater der etwas scheuen, und von den anderen nicht
recht beachteten, kohlschwarzen Toffee
höhnisch erzählt: „Ich hab heut Nacht deinen großen Bruder gesehen, der hat
ganz schön gestunken und war dreimal so groß wie du“. – „Ich hab gar keinen
Bruder und schon gar keinen, der stinkt. Und wenn er dreimal so groß wie ich
gewesen wär‘, hätt‘ er dich sicher ausgelacht“ erwidert Toffee und verschwindet
hinter der Bumensäule.
„Nun laß doch Toffee in Ruh‘ “, mischt sich Marina ein, „erzähl ihr doch nicht
solche Schauermärchen“ und denkt sich „er wird doch nicht den Schatten gesehen
haben? – das muß ich herausfinden“. Sie springt durch die Stäbe des
Treppengeländers und landet neben Pieps, der etwas zur Seite weicht und den
Schwanz einzieht.
„Etwas schauderhaft war es schon“, sagt Pieps mit verhaltener Stimme, „und wie
der Bruder von Toffee sah dieser Schatten eigentlich nicht aus“. -
„Also doch, er hat den Schatten gesehen...“ „Du Pieps, hast du nicht Lust, mit mir ein bißchen raus in den
Garten zu gehen?“. Pieps will eh‘ grad‘ raus gehen und erwidert: „In den Garten
nicht, aber ich geh‘ rüber zum Sägewerk, da will ich mal nachsehen, ob ich von
dem Schattenwesen was rausbekomme“ – „warum beim Sägewerk?“, fragt Marina,
während sie schon zur Haustür geht, die inzwischen weit offen steht.
„Weil ich dort den Schatten gesehen habe“. Auf dem Weg zum Sägewerk, das nur
wenige Meter entfernt, aber auf der anderen Bachseite liegt, erzählt Pieps
Marina, daß er mitten in der Nacht, während er auf seinem nächtlichen
Lauerplatz lag, plötzlich ein Geräusch hörte und gleich darauf einen dunklen
Schatten sah. Allerdings erschrak er so sehr, daß er sich unter einem Holzbrett
verstecken mußte. Er kann sich nur noch an den Geruch erinnern, den er mit
„süßlich – beißend – komisch“ beschreibt.
Marina und Pieps suchen noch eine Weile erfolglos nach Spuren des unbekannten
Wesens und kehren dann ins Haus zurück. Der Rest des Morgens verläuft ähnlich
wie sonst auch: Nachdem die Menschen das Haus verlassen haben, um zu arbeiten,
räkeln sich die Tiere in der Sonne, suchen sich ein Schattenplätzchen oder
gehen auf Erkundungsausflüge.
Mittags macht Marina ihre Runde durch die Wiesen und
trifft Sepp, den Bauern, hinten am Wehr, wo der Bach in zwei Bachläufe
aufgeteilt wird, um die Wasserkraft für das Sägewerk zu steuern. Hier gibt es Bisamratten, Ringelnattern und Graureiher
und eine Halbinsel mit verfallenen
Stollen, in denen auch Fledermäuse wohnen.
Marina sieht dem Sepp zu, wie er auf der Halbinsel herumläuft und sie kann sich
keinen Reim darauf machen. Ab und zu schaut Sepp nach oben zu den Baumwipfeln,
so als ob er etwas Bestimmtes suchen würde.
Plötzlich hört sie ein Schnaufen und
Rascheln, doch sie weiß sofort, zu wem diese Geräusche gehören. Es ist
Fahra mit der Nase am Boden, eine Spur verfolgend. Und da kommt Marina eine
Idee: Hatte sie, die Katze, diesen Geruch bemerkt bei dem Schattenwesen, und war
sogar für ein paar Schritte dem Geruch gefolgt, so muß dieses „Nasentier“ doch
mit Leichtigkeit die Spur aufnehmen können.
„Ich bin hier“, sagt Marina zu Fahra, die ruckartig stehenbleibt, den Kopf aus
dem Gras streckt und zu Marina herübersieht. „Du bist doch sicher auf meiner
Fährte. Brauchst nich‘ weitersuchen, du hast mich schon gefunden“.
Fahra schüttelt sich, guckt nochmal zu Marina, steckt die Nase wieder ins Gras
und läuft weiter.
Marina denkt sich: „redet wohl nicht mit jedem, oder folgt sie etwa einer so
interessanten Fährte, daß sie gar nicht reden kann, um die Spur nicht zu
verlieren? – aha, mal sehen, wohin die Fährte führt“. Sie folgt Fahra in
gebührendem Abstand. Fahra läuft am Ufer des kleinen Baches entlang, der in die
Isen mündet, und bleibt an einer großen Silberpappel stehen. Sie läuft
aufgeregt hin und her, um den Baum herum, schnellt den Kopf hoch aus dem Gras
und sieht Marina. Sie kommt näher an sie heran, saugt ihren Geruch zweimal tief
ein und sagt: „nein, du bist es nicht“ – „was bin ich nicht?“, fragt Marina.
„dieser seltsame Geruch, die Spur hört hier plötzlich auf“. Fahra setzt sich
hin und überlegt.
Inzwischen ist auch Pieps bei dem Baum, und Marina fragt ihn: „riech doch mal,
erinnert dich der Geruch an etwas?“ Pieps saugt den Geruch ein, als müsste er
einen Test bestehen. „ja, natürlich“ – „na, sag schon an was?“ drängt Marina
ungeduldig. „an Fahra, der typische Geruch unseres stinkenden Hundes“. Pieps
ist erleichtert; er ist sicher, eine gute Nase zu haben. „an Fahra! – und sonst
nichts?“ bohrte Marina enttäuscht nach.
„Mich erinnert der Geruch auch an nichts – äh nein – an nichts, ich kenn den
Geruch nicht, obwohl er nicht schlecht duftet“, schießt es aus Fahra heraus.
„Hunde mögen Gestank, also die stinkende Schattenwesenspur“, kombiniert Marina
und weiß nicht, ob sie sich freuen oder beunruhigt sein soll. Eigentlich
beides, denn sie freut sich, etwas mehr erfahren zu haben, und sie ist
beunruhigt, weil da doch ein unbekanntes Wesen irgendwie in der Nähe ist.
„Vielleicht auf dem Baum? – ja klar, hier hört die Spur auf“, schrie Marina den
anderen zu. Alle schauen nach oben, sehen aber außer Ästen und Blättern nichts.
Bis auf ein paar Karatzspuren, die Marina entdeckt, als sie den Baumstamm
weiter unten mit ihren scharfen Augen bemustert.
„Jetzt wär‘ eine Katze recht, die klettern kann“, sagt Fahra hämisch, ohne zu
wissen, worum es eigentlich geht.
Marina klärt Fahra kurz auf, erzählt ihr von dem Schatten und dem Geruch, und
Fahra findet das äußerst spannend und meint: „ja – ja – jagen“. Doch Marina
macht den beiden klar, daß es sich nicht um einen Feind handeln muß, den man
erst einmal jagen muß. „ Wir müssen ganz einfach herausfinden, was das für ein
Wesen ist“, meint Marina ganz entschlossen, „außerdem könnte es ja auch etwas ganz
fürchterliches sein, dessen wir nicht Herr werden – oder?“
Fahra ist damit nicht ganz einverstanden, denkt jedoch an das Jagen und willigt
ein.
„Als nächstes informieren wir alle anderen Tiere, damit sie uns unterstützen,
und damit sie auch gleich gewarnt sind“, fährt Marina sehr bestimmend fort.
„Warum nur die Tiere und nicht die Menschen?“, will Pieps wissen – „weil die
Menschen gar keine Zeit dafür haben oder sich nur dummes Zeug einfallen
lassen“.
Am Nachmittag haben sich dann alle Haustiere getroffen, und Marina hat alle gebeten, Augen und Ohren offen zu halten, nichts alleine zu unternehmen, und sofort den anderen zu melden, was sie beobachten.
Als am Abend die Menschen wieder heimkommen, ist
eigentlich alles wie immer, die Katzen maunzen solange, bis die Näpfe voll
sind, und die Hunde zerren an der leine, bis jemand mit ihnen spazierengeht.
Die Kühe muhen im Stall, und der Dieselgestank vom Sepp seinem alten Schlüter
Traktor gibt einem doch das heimelige Gefühl vom Landleben. Später, wenn der
Cowboy Michael heimkommt, werden die Pferde von der Koppel geholt, und als die
Hufe über den Pflasterboden klappern,
bricht Samy, die Cockerhündin in einen Bellanfall aus – wie jeden Tag.
Wenn die Lichter ausgehen, wechseln Marina unf Fahra die Plätze, Fahra schnarcht
unter dem Telefontisch im ersten Stock, und Marina rollt sich am Fenster ein,
bereit, jedes verdächtige Geräusch wahrzunehmen, und besonders auf die Schatten
zu achten.
Scht – scht – scht – tap, scht – scht –tap. Die Ohren sind
hellwach – und keine Bewegung.
Jetzt kommt was – da ist der Schatten, nur kurz, aber Marina ist noch nie so
schnell durch die Katzentür gelaufen, und sie sitzt jetzt am Rand der
Kellertreppe und nimmt die Fährte auf.
Hinter dem Stall, beim Misthaufen sind ihre Sinne verwirrt durch den stinkenden
Geruch. „Was nun?“ denkt Marina, „da war doch der Schatten und der Geruch – ja,
der Geruch, der doch anders ist, als der normale Misthaufengeruch“. Marina
saugt den Geruch tief ein und geht weiter in die Richtung der Spur.
Hinter dem Birnenbaum bleibt Marina stehen und weiß, sie ist ganz nah dran, an
diesem unbekannten Wesen; aber sie spürt auch, daß es nicht wegläuft – „warum
nicht?“ ist Marina kein Feind für es?
Sie hat keine Zeit, jetzt darüber nachzudenken. Sie geht einfach weiter
und weiß, daß sie dem Schatten sehr nah ist. Eine ungeheure Spannung
durchströmt Marina, je weiter sie nach vorn schreitet.
Plötzlich bleibt sie stehen, und sie verhält sich so, wie es nur die Katzen
können. Keiner würde sie bemerken. Sie saugt den Geruch ein und weiß, daß neben
ihr, hinter dem Busch der Schatten
sitzt. Ja, sie weiß es und kontrolliert es noch einmal mit einem tiefen,
kräftigen Sog durch die Nase.
„Ich heiß‘ Marina und bin eine Katze“, haucht Marina durch den Busch. - Nichts
- doch diese Ruhe ist
ungewöhnlich, eigentlich hätte sie den Schatten aufscheuchen müssen. Marina
hört den Atem des Wesens, und sie ist sicher, das Wesen spürt auch ihren Atem.
-„Fressen gibt‘s in der Scheune, komm
einfach mit mir.“ Marina springt in langsamen Bögen durch das Gras zur Scheune,
wo die Bäuerin immer ein Schüsselchen Milch bereitstellte.
Keine Geräusche, die darauf hinweisen, daß der Schatten ihrer Botschaft folgt.
Trotzdem schlabbert Marina genüsslich die frische Kuhmilch. Marina geht in
Richtung Haus und hält an der Scheunenwand inne. Sie weiß, daß der Schatten
Hunger haben muß; und sie ist sicher, daß er kein Monster ist.
Etwas später sitzt Marina wieder am Fenster, Fahra kommt und fragt gespannt nach den neuesten Erkenntnissen in Sachen Schatten. Nachdem Marina ihre Erfahrungen berichtet, meint Fahra, daß es wirklich an der Zeit sei, der Gefahr ein Ende zu bereiten, aber Marina ist anderer Meinung. Im Laufe des nächsten Tages spricht Marina mit den anderen Tieren im Hause und alle haben unterschiedliche Meinungen.
Marina ist sehr damit beschäftigt, dem Schatten auf die
Spur zu kommen. Und so geschieht es, daß sie in den folgenden Nächten die
Prozedur mit dem Futter wiederholt. Nach drei Tagen gelingt es ihr, den
Schatten tatsächlich zu beobachten.
Sie erzählt den anderen Tieren im Haus, daß er kein Monster ist; alle sollen
die Möglichkeit haben, ihn anzuschauen.
Das Wesen lebt nicht auf dem Baum, wo Fahra die Spur
verloren hatte, nein, Marina hat herausgefunden, daß das Wesen den Baum
benutzte, um seine Spur zu verwischen. So konnte es sich davor schützen, daß
die Nasentiere ihn aufstöberten. Ja – sehr clever, - wie Marina auch.
Doch irgendwie brauchte das Wesen Hilfe, denn es schlabberte die Milch in so
kurzer Zeit in sich hinein, daß Marina dachte, es handle sich um ein Tier mit
einem Saugrüssel.
Kein anderes Tier kann eine Schüssel Milch in einem Augenblick austrinken – der
Schatten kann es! – ein Ungeheuer?, das noch dazu clever ist und die
intelligenten Haustiere an der Nase herumführt, sodaß die sein Nest nicht
finden.
Fahra war zuerst dran, sie wollte an dem Baum warten, wo das Wesen
herunterkommen sollte. Fahra saß im
Gras, der Mond schien ganz schön hell, als plötzlich scht – scht – scht – tap –
tap - im Licht des Mondes ein Ungeheuer
auftauchte. Fahra legte die Ohren an, sog den Geruch ein, versuchte, die
Richtung zu finden. Fahra sah ein Ungeheuer, und alles, was Fahra in ihrem
Hundleben bisher gelernt hatte, schoß ihr durch den Pelz: „das Ungeheuer von
Loch Ness, - nein – der Schneemensch der Abruzzen, - neeiiin – der Beglöwe, mit
dem die Cowboys gekämpft haben – jaaa ? oder“ – Marina war hinter Fahra
aufgetaucht, und Fahra wachte langsam wieder auf. „Nun?“, fragt Marina mit
sanfter Stimme, um Fahras Eindruck zu erkunden, „was meinst Du, - Hund – mit
guter Nase?“
Im Lauf der nächsten Tage haben alle Tiere des Hauses Gelegenheit, das Wesen zu beobachten. Das heißt, keines der Tiere bekommt das Wesen so richtig zu gesicht, nein – das Wesen ist sehr vorsichtig und es bleibt immer nur ein Schatten, immer nur ein kurzes scht – scht – scht – tap – tap - , mit den Umrissen, die von den jeweiligen Gegebenheiten der Nacht und von den Eindrücken der Beobachtenden bestimmt ist.
Nach einer Woche verstärkt sich immer heftiger Marinas
Gefühl, daß das Wesen ihre Hilfe braucht, darum bittet sie alle Haustiere, sich
zu versammeln und zu beraten, wie jeder darüber denkt.
Glaubt nicht, daß es einfach ist, glaubt nicht, daß die Tiere parieren. Marina
hält den Vortrag wie eine geschulte menschliche Person. „Puuuhh -
Pääähh“ - „jetzt hört doch erstmal zu“, sagt Marina. Sie fährt fort mit
Erklärungen, während sich die anderen kratzen und schütteln, bis dann endlich
Marina davon abläßt, sich wie eine Lehrerin zu benehmen. Sie einigen sich
darauf, Ihre Eindrücke von dem unbekannten Wesen zu beschreiben und zu
vergleichen.
Die dunkle Gestalt eines Ungehäuers mit einem tödlichen
Geruch, das alle Anwesenden in einen Bann von Magie und Teufeln zieht, sah
Fahra. Und Fahra hat auch eine Lösung: Jagen! Fahra riecht das Blut und will
beißen – noch nie hat sie es getan.
Und Pieps, der Kater sah die Gestalt eines riesengroßen Katers, der plötzlich
seine schöne Welt in Esterndorf durchstreift und sine Alleinherrschaft
beansprucht. „Ich muß jetzt kämpfen“, sagt Pieps.
Die Konferenz dauert etwas. Außer den Haustieren sind auch
die Fledermäuse und die Spatzen gekommen, einige Schwalben sind auch da, und
die Pferde wollen schon lange etwas sagen.
Viele Getränke werden gereicht, die Hunde haben schon genug, die Fledermäuse
wollen nicht zu Bett gehen, der bauer meint: „Agrad des Komische machts
intressant“, und Hans kommt mit dem Vorschlag, noch Floß zu fahren.
Marina ist einverstanden. Die Pferde gehen zuerst aufs Floß. Danach folgen die
ein paar Kälber und der bauer, der die Kälber streichelt, Hunde und Katzen
schlendern ganz ungezwungen hinterher, und die Fledermäuse schwirren über allem
umher. Sie weisen den Weg, denn im Schatten der Bäume ist es dunkel.
Die Fledermäuse zirrpen, die Katzen und die Hunde sind ruhig, die Menschen
nicht! Die Menschen quatschen ständig, bis Marina sagt: „Ruhe!“ – das Floß
wackelt, und alle sind ruhig, „hier ist der Übergangspunkt des Wesens, hier
sollen alle Nasentiere die Spur aufnehmen“
Plötzlich ist ein Krachen im Geäst zu vernehmen - ! ! - Scht – scht – scht – taaapp – taaapp - alle Hund ebellen, und springen vom Floß –
vom Floß, das Floß kippt, die Menschen schreien, - sie liegen im Wasser -
Marina ist schon vorher vom Floß gesprungen, Marina wiß, wo der Schatten ist. -
- Sie ruft – ganz leise – Scheiße, der Schatten ist entwischt.
Langsam kommen die Menschen ans Ufer, einige murren, andere singen. Tibor ist
auch dabei. Sein Vorschlag ist, daß sich alle ins Gras legen, unter den Baum,
der die Brücke zu des Schattens Nest ist, und alle sollen ganz ruhig sein.
Nicht atmen.
Keiner atmet und bald merken die ersten, daß es so nicht geht. Atmen muß man,
ok, doch möglichst unauffällig. Bald lacht ein Mensch, es ist hans. Marina gibt
ihm die gelbe Karte. Doch das Lachen, das sich Hans nur schwer verkneifen kann,
animiert auch die anderen, zu lachen, zu kichern. Alle sind damit beschäftigt,
das Lachen zu unterdrücken.
„Da ! – scht – scht – pst – pst“ -
Plötzlich Ruhe. Ein deutliches Ruahidati – aber ganz leise und gehaucht
– ist zu vernehmen. „Ruahidati – scht – scht – tap – taap“ alle sind sich einig, das ist der Schatten!.
Marina überzeugt die anderen, daß das verhaltene Lachen das Wesen dazu
veranlaßt hat, zu antworten. „Los kommt, kichert nochmal so, wie vorhin“. Doch
es war nicht mehr so. Alle lachen oder grunzen, aber keiner kann so wie vorhin
raunzen.
Fahra sitzt am Schreibtisch und hat eine lange Liste mit
Notizen vor sich. Die komischsten Sachen stehen darauf.
Toffee zum Beispiel sah den Schatten als ein Wesen mit einem langen Hals und so
groß wie ein Saurier.
Samy dagegen meinte, es sei eine Seekuh, die klettern und fliegen kann, und die
in Frankreich Düfte studiert hat. Die Kälber waren einhellig der Meinung, daß
nur ein hundeähnliches Wesen sich so benimmt, doch die Kälber waren ja immer
nur im Stall.
Pieps gab den Gedanken an einen Bruder nicht ganz auf, und sah in dem Wesen
eine große Katze, die so mächtig war, daß alle sie verdammt hatten. „Deshalb
mußte „Wesi“ auch auswandern“ , bemerkte Pieps noch dazu, „bald werden wir alle
dem Wesen gehorchen und es wird uns allen sagen, was gut schmeckt“. „Halts Maul“, sagte Fahra. „Geh in die
Kirche und hol den Pfarrer, der wird dein Wesen an die Kanzel hängen“. – „Jetzt
Ruhe bitte“, Marina will wissen, ob denn alle versammelt sind; Fahra schaut
nochmal auf die Liste und liest:
„Vor ungefähr hundert Jahren, so erzählt uns Esmeralda,
unsere Urgroßmutter, kam ein Wesen an unserer Gruft vorbei.“ - „Aha, die
Fledermäuse“, denkt sich Fahra. „wir waren etwas verwirrt durch den starken Geruch, der seit ein
paar Tagen vor dem Eingang zu vernehmen war. Die Jungen von uns mußten nach
draußen schwirren, auf Erkundung. Ich war dabei.“ – „das ist Eusebia, die alte
Fledermaus, die erzählt doch immer so schön“, Fahra ist, ganz in Gedanken
versunken. „Wir hatten die Aufgabe, nur zu erkunden, und unsere Eindrücke allen
Fledermäusen in unserer Kolonie zu erzählen“. – „Die Fledermäuse können das ja,
ohne viel zu reden“, erinnert sich Fahra, die schon einiges über diese
komischen Tiere weiß. Fahra las gespannt und blieb bei dem Saz hängen: „noch
nie war ein Tier von so weit her angereist.“
- „Fahra, wach auf! – „, Marina klatscht in die Hände - „Höi, höi, - nun mal langsam“, sagt Fahra, „ich hab hier was
interessantes entdeckt“. Fahra liest die Eintragung der Fledermäuse vor, und
alle hören gespannt zu. „Diese Fledermäuse sind doch immer so clever“ – „und
die Hunde, ja, ist ja gut, Fahra“. „Stimmt“, bemerkt Samy, während si esich
genüsslich schüttelt „eine Katze von weit her, die anders ist“. „Und uns allen sagt, wos lang geht“ – „sei
ruhig, Pieps, es ist nicht dein Bruder“ – „Geh zum Pfarrer!“, - „sei du auch
ruhig, Fahra“, Marina ist sehr damit beschäftigt, die Versammlung zu einem
erfolgreichen Ende zu bringen.
„Wißt ihr, daß ich das Wesen schon beim Pinkeln gesehen habe?“, „Rico erzähl“,
sagt Marina, die sich freut, daß auch die Pferde aufgepasst haben. „Das Wesen
pinkelte dort im Garten“ – „ach“, sagte Fahra, „ach“, sagte Samy, „dort im
Garten, wie ein richtiges Tier?“ – „nein, wie ein Hund oder eine Katze“, sagt
Rico, denn für ihn sind nur Pferde richtige Tiere. „Aber warum hast du uns
nicht Bescheid gesagt, wir hätten doch dann mehr über das Wesen erfahren“. „Hab
ich doch“ sagt Rico ganz forsch, „doch als ich
euch rief, lief das pinkelnde Wesen weg“ - „Du Dussel“, alle lachen. Während Rico verlegen ein paar
Brocken Kraftfutter frißt, scharrt Leo, die Quarterhorse- Dame nebenan mit den Hufen und meint: „dann
erzähl doch auch, daß du das Wesen
drüben auf der Koppel richtig verscheucht hast“ – „ja, ja, na gut“ -
„Wie? Richtig verscheucht hast?“ – Marina wird stutzig: „hey, was geht
bei euch vor?, wißt ihr nicht, daß wir versuchen, herauszufinden, was das für
ein Wesen ist? Und daß wir rätseln wie die Blöden, ob wir vor ihm Angst haben
müssen oder ihm helfen sollen, und ihr vergnügt euch, während es pinkelt und
verscheucht es, weil es wahrscheinlich euer Gras gefressen hat“ – „ja, und noch
dazu das allerbeste“. „Aha“, Marina ist
gar nicht glücklich darüber, und aus den hinteren Reihen hört man :“rote Karte,
rote Karte...“
Nachdem die Pferde ausführlich ihr Erlebnis mit dem Wesen erzählt haben, wird ein Plan aufgestellt, der alle Tiere und auch einige Menschen einteilt, das Wesen zu beobachten. Nach einer weiteren Woche treffen sich alle wieder und berichten.
Samy hat zusammen mit den beiden Jungs Daniel und Marius
ein Nachtsichtgerät gebaut und sie haben mit Hilfe der Fledermäuse erstaunliche
Erkenntnisse erziehlt. Die Pferde bemerkten, daß das Wesen eine besondere
Zuneigung zu ihnen hat, ja, sich sogar gerne in der Nähe der Stallungen
aufhält. Die Spatzen und Schwalben können mit Sicherheit sagen, daß es sich um
ein Nachtwesen handelt, denn sie haben es nur dreimal tagsüber gesehen. Die
Kälber wissen mit Sicherheit, daß es nicht im Stall lebt, die Kühe wissen, daß
das Gras aus der Silage kommt, die Bäurin sagt, daß die Hühner weniger Eier
legen, Fahra bemängelt ihr derzeitiges Futter.- „Halt, wir reden doch nicht
über Eier und Futter!“, Marina klopft mit der Pfote auf den nicht vorhandenen
Tisch. Die Bäurin sagt aber außerdem, daß das Milchnäpfchen immer sehr schnell
leer sei.
Das Nachtsichtgerät zeigt nur Umrisse,
doch das Team Samy- Daniel- Marius hat gute Arbeit geleistet: Sie berichten von
dem Wesen, als wäre es bereits ein Haustier. Sie wissen, welchen Weg es geht,
und vor allem, wo es wohnt.
Es wohnt auf der Insel und es benutzt den Baum, unter dem alle schon saßen, um
zu der Insel zu kommen. Das Wesen hat genaugenommen eigentlich zwei Wohnungen:
eine auf dem Baum, eine Art Nest, und eine in der Gruft, neben den Fledermäusen.
Die Fledermäuse geben auch ihren Bericht, und so kann man sich allmählich ein
gutes Bild von dem unbekannten Wesen machen.
Das heißt, gesehen hat es immer noch keiner so richtig, nein, immer nur die
Umrisse. Das Samy- Team hat auch beobachtet, wie „Wesi“ in den Hühnerstall ging
und die Eier stibitzte, und wie es in die Scheune ging, mit schmalem Bauch und
wie eine schwangere Kuh wieder rauskam – „die Milch“, bemerkt man in den
vorderen Reihen. – „rote Karte, rote Karte“ hört man aus den hinteren Reihen. „Ja, für uns“, sagt Marina, „wir lassen das
arme Tier verhungern“ - „wieso verhungern? Die Tiere im Wald
verhungern doch auch nicht“ - „Aha, ein gescheiter Pieps, du freust dich
wohl nicht über das Fressen in deinem Näpfchen, oder?“ -
„ich schon“ - „alo, wir werden dem Wesen etwas abgeben von
unserem Fressen. Seid ihr alle einverstanden?“
„Ja, wenn das Wesen fett ist, schmeckt es besser und ist leichter zu erjagen –
ha - ha“ „Als ob du schon jemals etwas erjagt hättest, Fahra“, sagt
marina.
Natürlich stellen sie das Fressen zum Milchnapf und die
Bäurin gibt auch noch was dazu. Während der nächsten Woche schläft Marina ein
paarmal in der Scheune, und die Fledermäuse helfen ihr bei der Beobachtung und
wecken Marina, wenn „Wesi“ im Anmarsch ist. So kommt es, daß Marina das Wesen
sieht. Nun kann sie es anschauen: es ist eine Katze, die aber größer ist, als
alle Katzen aus der Umgebung, ja sogar größer, als alle Katzen, die marina je
gesehen hat. Außerdem ist das Fell ganz anders. Es ist eigentlich gar kein
richtiges Fell, sondern eher ein Borstenpanzer. Vor allem aber ist der starke
Geruch ein besonderes Erkennungszeichen.
Doch Marina bemerkt, daß dieser Geruch nicht immer da ist. Komisch,
warum eigentlich?
Doch - es ist ganz eindeutig, wenn Marina neben dem Napf liegt, und „Wesi“
kommt zum Fressen, riecht Marina nichts. Sie fürchtet, Iihre Nase ist nicht in
Ordnung, aber sie geht anschließend raus, und da sins dofort die bekannten
gerüche: Mist, Kühe und Fahra. Also die nase ist in Ordnung Marina weiß also,
daß „Wesi“ nicht immer diesen Geruch an sich hat. Als Marina ein anderes Mal
dem Wesen folgt, und sich an der geruchsspur orientiert, endet sie natürlich
unter dem Baum, während das Wesen –ohne Geruch- an ihr vorbeischleicht.
Von da an weiß Marina, der Geruch ist Tarnung!
Es wird Zeit, daß Marina mit dem Wesen Kontakt aufnimmt. Aber wie? Das Wesen hat Marina längst neben dem Napf bemerkt, aber es hat keinen Muckser von sich gegeben, aber offensichtlich hat sie es auch nicht gestört; und so hofft marina, daß sie irgendwie und irgendwann von dem Wesen akzeptiert wird, wenn sie einfach neben dem Napf sitzen bleibt, ohne zu stören.
Nach etwa vier Tagen fragt Marina: „schmeckt’s?“, hört
„Wesi“ kurz auf, zu fressen, schaut Marina an und ein „doobr“ ist zu vernehmen.
„Na ja, rülpsen kann sie“, denkt sich Marina und sagt dann: „wenn du jetzt noch
furzt, weiß ich, daß du mich verstanden hast“. Doch „Wesi“ fraß ruhig weiter,
ohne einen Laut von sich zu geben.
In den nächsten Tagen wiederholt Marina die Unterhaltung mit „Wesi“, in der
Hoffnung, daß es doch mal mehr sagt, als „doobr“, vielleicht sogar mal furzt.
Nach drei Tagen ist es soweit. Nachdem Marina fragt:„schmeckts, du alte Gans,
nein eine Gans bist du ja nicht, nichtmal eine richtige Katze, was bist du
eigentlich, du Borstentier? Vielleicht ein Schwein, das klettern und fliegen
kann? Nein, nein, du bist schon eher etwas katziges“, hörte sie: „nejjn, nejjn,
-- atzz, aatzz“ - „hat sie gefurzt oder gerülpst?“, überlegt
Marina, reckt ihren Kopf hoch, und starrt das wesen an. Und marina blickt in
zwei Augen, die tief leuchten, wie bei der Schlange in dem Dschungelbuch-Video
von Marius, das sie mal angeschaut hat; wie so eine Spirale, die hypnotisch
wirkt.
Marina Blinzelt und zieht den Kopf wieder ein. Nun hebt sie den Kopf erneut und
die Augen sind weg. Das Wesen frißt weiter. Marina sagt: „atz, atz...“ Das
Wesen hebt den Kopf und schaut Marina an. Da sind wieder die Augen – die
Spirale.
„—atzz, atzz“, hört Marina und sie
glaubt, ein Lächeln zu erkennen. „Nein, nein, Katz, Katz – „ erwidert sie und
das Wesen hebt den Kopf höher und tiefer und frißt dann wieder weiter.
„Kennst du auch Hunde? die machen – wau hou wauhou – „. Das Wesen erstarrt, der
Geruch breitet sich aus, Marina denkt kurz nach, und als sie wieder zum Napf
blickt, ist das Wesen verschwunden. „Scheiße“, dachte Marina jetzt, „das war
wohl nicht das Richtige.“
Während der nächsten Tage entsteht eine richtige
Kommunikation zwischen den beiden.
Marina kann sich mit dem Wesen verständigen. Anfangs war es ziemlich schwierig,
denn erstmal galt es , den Namen des Wesens herauszufinden. Marina liegt neben
dem Napf, wnn das Wesen zum Fressen kommt. Marina hebt ihren Kopf, schaut ihm
in die Augen und sagt: „Marina“. Das Wesen hebt seinen Kopf, schaut Marina in
die Augen und frißt dann weiter.
Doch dann, nach einigen Tagen, nachdem das Wesen wieder den Kopf hebt, hört
Marina : „Urrgaa“. Und das Wesen frißt weiter. Marina sagt : „Urrgaa“, und das
Wesen hebt den Kopf.
Von da an weiß Marina, daß das Wesen „Urga“ heißt.
Die nächste Vollversammlung der tiere im Isenhaus ist gut
besetzt. Alle sind da, sogar die meisten menschen wollen hören, was Marina zu
berichten hat:
„Urga heißt das Wesen, und Urga ist kein Ungetüm, sondern eine Katze, die nur
etwas anders aussieht, die eine anere Sprache spricht, die etwas mehr frißt und
deren Fell etwas borstig ist. Urga hat außerdem einen Abwehrmechanismus, den
wir nicht kennen: sie kann plötzlich einen Geruch entwickeln, der Feinde auf
eine andere Spur führt.“
„Das kann ich auch“, sagt Fahra und ein satter Furz ist zu hören –
Brrrschrrbbblllluooooo --- die Nachbarn
um sie herum rücken etwas weg, ein Geruch verbreitet sich, und aus den hinteren
Reihen hört man: „rote Karte, rote Karte“
„Rote Karte für uns“, sagt Marina, „denn wir sind darauf reingefallen.“
Brrrschrrbbblllluooooo – kommt es abermals aus Fahras Körper heraus, und ihre
Nachbarn rücken noch weiter weg.
„Hör auf, wir kennen dich, Fahra, du mußt dich nicht tarnen“. Marina versucht,
den Ablauf der Versammlung wieder in den Griff zu kriegen.
In den hinteren Reihen wird heftig gelacht und inzwischen hörte man viel
„Brrschblooo iii und Pfuit Grawomm brzz gruup“ – eine Stimme sagt: „soviele
rote Karten hat Marina nicht!“
Ein großes Gelächter in den hinteren Reihen und Samy sagt : „alle Katzen
pinkeln jetzt auf den Boden“ -
„Halt, Stop“, Marina springt auf den nicht vorhandenen Konferenztisch, „Urga,
komm mal rein“. Es ist plötzlich ganz still. Nichts passiert . „Hallo Urga!“, Marina weiß, es istr nur
ein Versuch, ein gewagter, denn mit all den verrückten hier, ist es wohl wenig
sinnvoll, ein so scheues Wesen in die Mitte zu stellen. Trotzdem herrscht eine
Grabesruhe. Alle sind nämlich sehr gespannt, das Wesen, nein „Urga“
kennenzulernen.
Es vergehen mehrere Sekunden und nur das Schnüffeln der Hunde ist zu hören,
dann ein Krächzen der Tür. Marina hatte die Haustür einen Spalt offengelassen,
damit eventuell – obwohl sie nicht damit rechnete – Urga hereinkommen könnte.
Alle schauen gespannt zur Tür - und da!
- sehen sie einen Kopf, er sieht
aus, wie der Kopf einer Katze; größer, borstiger, mit leuchtenden Augen. Marina
schaut Urga in diese Augen, um ihr zu sagen: „komm herein, hab keine Angst, wir
sprechen grad von dir“
Urga kommt herein und sie denkt an die Zeit, die sie vorher erlebte.
„Jetzt ist Urga hier“, sagt Marina und alle klatschen, sodaß Urga erschrickt
und sich duckt, wie eine Katze. Urga ist groß, größer als die Katzen, die man
hier in der Umgebung kennt. Und sie ist struppiger. Marina erzählt kurz die Geschichte
von Urga, denn Urga kann nicht so sprechen, daß die anderen sie verstehen.
Urga kommt aus einem Land, das in Richtung Dorfen liegt.
„Aha, aus Dorfen“, sagt Fahra. –
„sei ruhig, nicht aus Dorfen, sondern etwas weiter weg. Urga erzählte mir, daß
sie mit dem Zug gefahren ist. Es war schrecklich. Die vielen Geräusche, Urga
wußte anscheinend nicht, was um sie herum passierte. Es war eine lange Fahrt.
„Aber warum it Urga denn mit dem Zug gefahren?“, fragt Pieps.
Urga hat nach einigen Wochen gelernt, mit Marina zu
sprechen, und beim nächsten Treffen konnte man Urgas ganze Geschichte hören:
Urga lebte in einer sehr schönen Umgebung, ähnlich, wie in Esterndorf, mit
Bach, Feldern und Wiesen und mit vielen anderen Tieren. Sie sprang durch die
Wiesen und hatte viel zu Jagen.
„Ja – jagen“, sagte Fahra. „Sei ruhig,
laß Urga erzählen“
„Ich lebte in einem Dorf, mit einem wunderschönen Garten und schönen Bergen,
ich konnte so schön spazieren gehen. Es war dann plötzlich alles ganz anders!
Es roch plötzlich anders und die Geräusche waren andere. Die Geräusche waren
unheilvoll, die Menschen veränderten sich, sie wurden hektisch, und alle
wollten weg – wohl, will die Geräusche so laut und heftig wurden.
Ich ging noch spazieren, da griff man mich und ich wurde in einen Reisekorb
gepackt. Ich dachte zuerst, jetzt verreisen wir, wie öfter schon vorher,
pinkelte nochmal und wußte nicht, daß ich zum letzten Mal in meiner heimat
gepinkelt hatte.
Die Reisetasche wurde geschlossen, und es entstand eine Hektik, die ich mir nicht
erklären konnte. Viele neue, sehr laute Geräusche, die ich noch nie vorher
vernommen hatte. Ich wußte, daß alle in dem Zug waren, obwohl ich Zugfahren
nicht kannte. Und der Zug fuhr und die Geräusche waren laut.
Alle wurden sehr unruhig. Die Kinder schrien und plötzlich ging die Tür auf.
Ich fühlte und roch die frische Luft. Ich schaut und konnte nichts sehen. Alles
war so schnell vorbei, keine beängstigenden Geräusche mehr, es war ruhig. Und
dann wurde mein Haus geschüttelt, es wurde geschüttelt und geschüttelt und so
gehalten, daß ich herausfiel. Ich fiel heraus und fiel und fiel. Ich fiel auf
die Schottersteine, ich weinte und shrie – wo ist meine Mama, wo ist mein Papa,
ich lag im Gras und wußte, Marina wird kommen.
Alle saßen ganz still, keiner sagte etwas, nur ein ganz kleiner Furz von Fahra
war zu hören – und zu riechen.
Am nächsten Tag lag Marina wieder am Fenster. Sie lüpfte ein Auge, sie lüpfte das andere Auge, auf dem Hof lagen alle Tiere des Isenhauses. Als Urga kam, klatschten alle und riefen ihr zu und wollten mehr hören von ihrer Geschichte. Fahra erklärte sich bereit, die Geschichte ihres Stinkerlebens zu erzählen, Samy hatte auch viel zu berichten und selbst die Fledermäuse schauten am hellichten Tag vorbei.